März 2021

„Ich musste Afghanistan sofort verlassen.“

Ramin Siawash im Interview

Hannah Metzker (19) studiert Geschichte und Politikwissenschaft

2015 hat Ramin sein Leben in seiner Heimat Afghanistan zurückgelassen und ist geflohen. Seither versucht er, sich in Österreich eine neue Existenz und eine Zukunft aufzubauen. Er ist das, was von diversen Parteien und Medien oftmals instrumentalisiert wird, um populistische Politik zu machen – ein Flüchtling. In diesem Interview erzählt er von seinem Leben in Afghanistan, der Flucht und dem Empfang in Österreich.  

Woher kommst du genau? 

Ich komme aus Kabul, der Hauptstadt Afghanistans.

Welche Ausbildung hast du in Afghanistan gemacht? Was hast du gearbeitet? 

Zwölf Jahre lang habe ich die Schule besucht und dort mit der Matura abgeschlossen. Nach dem Schulabschluss habe ich die Bachelorstudiengänge Journalismus und IT besucht. Ich habe einige Zeit als Englisch und Computerlehrer gearbeitet und war außerdem als Moderator und Reporter tätig. 2014 haben ich eine Schule für Frauen gegründet, davor habe ich im Menschenrechtsbüro gearbeitet. 

In welchem Alter hast du realisiert, dass du im Krieg lebst? 

Das ist schwer zu sagen. Vermutlich in der Schule, als wir über die Politik und den Krieg Afghanistans gelernt haben. Die politische Situation war und ist schon lange instabil. Es war nicht sicher.  

 

Hintergrund: 1979 kamen sowjetische Soldaten nach Afghanistan, um die umstrittene Regierung zu unterstützen. Die USA unterstützte Widerstandsgruppen aus der Bevölkerung, die gegen die damalige Regierung kämpften. Es herrschte Chaos und wenig später kämpfen zwei afghanische Gruppen gegeneinander – die Nordallianz gegen die Taliban. Die Taliban übernehmen die Macht. Sie hatten strenge religiöse Regelungen und Vorstellungen – zum Beispiel hatten Frauen und Mädchen kein Recht auf Bildung. Nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 auf das World Trade Center in den USA starten die USA eine Invasion in Afghanistan. Es wurde eine neue Regierung installiert, bis heute gibt es allerdings Anschläge von Terrorgruppen wie z.B. den Taliban oder dem IS auf die afghanische Bevölkerung. (Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland, ZDF.de) 

Du hast also in Afghanistan studiert und gearbeitet, warum musstest du das Land verlassen? 

Weil es für mich nicht mehr sicher war. Mein Leben war in Gefahr. Ich musste Afghanistan sofort verlassen. Warum genau, darauf kann ich nicht genauer eingehen. Meine Eltern sind noch immer in Afghanistan und ich möchte sie nicht gefährden. 

Wie bist du nach Österreich gekommen? Warst du auf der Flucht alleine? 

Ich bin über die Balkanroute nach Österreich gekommen und war alleine auf der Flucht. Ich wusste davor nicht, worauf ich mich einlasse. Dass Flüchten schwer und gefährlich ist wusste ich schon lange davor, aber ich hätte nie gedacht, dass ich in die Situation kommen würde, selber flüchten zu müssen. Es gab oft schwierige Momente in denen ich mich einsam und hoffnungslos gefühlt habe, aber ich habe auch einige lustige Momente erlebt.  

Hast du etwas für deine Fluchtmöglichkeit bezahlen müssen? Was wurde dir von den Schleppern versprochen? 

Ja, ich musste dafür bezahlen und sie haben mir gesagt, dass eine angenehme Reise durch das Wasser sein wird. Das war definitiv nicht der Fall. 

Hast du etwas auf der Flucht mitgenommen?  

Ich habe gar nichts mitgenommen. Musste alles zurücklassen – meine Familie, Freunde, Erinnerungen, Studium und alles was für mich wichtig war!

Wann bist du in Österreich angekommen und wie wurdest du hier empfangen? 

Ende 2015. Als ich in Österreich angekommen bin, war ich krank und hatte Fieber. Nach der Antragstellung habe ich mich als freiwilliger Lehrer bzw. Übersetzer für andere Geflüchtete engagiert. Die meisten Menschen, denen ich begegne, empfangen mich offen und freundlich. 

Wie war die Wohnsituation als du nach Österreich gekommen bist? 

Sehr schlecht – zuerst war ich in einem Flüchtlingsheim, dann in verschiedenen WGs. Einige Zeit musste ich mir das Zimmer mit anderen Menschen teilen.   

Welche Schwierigkeiten erlebst du im Alltag in Österreich? 

Jetzt wie alle anderen, Schwierigkeiten aufgrund der Pandemie. 

Wie lange hat es gedauert, bis du wusstest, dass du hierbleiben darfst? 

Circa vier bis fünf Jahren, es war ein langes Verfahren und mein Asylantrag wurde anfangs abgelehnt.  

Du durftest lange Zeit in Österreich nicht arbeiten. Was hast du stattdessen gemacht? 

Ich habe freiwillig für viele NGOs und Projekten gearbeitet. Beispielweise für Radio Orange 94.0, aber auch beim Volkskundemuseum habe ich eine Ausstellung mitgestaltet. 

Du sprichst mittlerweile gut Deutsch, war es schwer, die Sprache zu lernen? 

Natürlich war es schwer, aber ich glaube, ich bin auf einem guten Weg. Meine Freunde unterstützen mich und korrigieren meine Fehler.  

Erinnerst du dich noch, wie dein Leben in deiner früheren Heimat aussah? Was vermisst du an deiner alten Heimat? 

Abgesehen davon, dass meine alte Heimat nicht sicher war, habe ich dort ein ganz normales Leben geführt. Ich hatte alles, was man braucht und sogar noch mehr, deshalb konnte ich auch anderen Menschen helfen. Ich vermisse vor allem meine Eltern und Freunde.   

Hast du noch Kontakt in deine Heimat? 

Ja, mit meinen Eltern habe ich noch Kontakt. Ich mache mir Sorgen um sie. In Afghanistan gibt es jeden Tag Anschläge.  

 

Hintergrund: Afghanistan war 2019 das Land mit den meisten Terroranschlägen (1 750 alleine im Jahr 2019), dabei kamen um die 1 300 Menschen ums Leben. Die meisten dieser Terroranschläge wurden von den Taliban oder dem IS durchgeführt. (Quellen: Statista Research Department, Global Terrorism Database der University of Maryland) 

 

Würdest du wieder in dein Heimatland zurückgehen (wenn sich die Situation zum Guten ändert)? 

Ja, aber es hängt von der Zeit ab. Ich bin in Österreich nicht auf Urlaub, sondern weil meine Heimat für mich nicht mehr sicher war. Vielleicht habe ich hier in Österreich irgendwann meine eigene Familie und eine Karriere… Ich weiß heute noch nicht, was mich morgen erwartet.  

Danke für das Interview!