Der Scheiß am Großwerden
Stellt euch ein Mädchen namens Marisol vor, die nie und nimmer geglaubt hätte, dass sie das Leben auf derart harte Proben stellen würde. Ihre Geschichte gleicht der tausend anderer Mädchen, dennoch ist sie ganz und gar einzigartig. Aber seht selbst.
Als kleines Mädchen war sie so wie alle anderen auch: lebensfroh, sehr aufgeweckt und tat sich leicht, Kontakte zu schließen. Gemeinsam mit ihrer Familie lebte sie in einer Wohnsiedlung, in der auch mehrere andere Kinder wohnten. Das Leben war schön. Wenn ihr gerade langweilig war, war der Weg zur nächsten Haustür nicht weit und die schüchterne Frage, ob Mia, Heidi oder David doch vielleicht Zeit zu spielen habe, reichte, um sich einen lustigen Nachmittag mit ihren Freunden zu machen. Am liebsten dachten sich die vier Fantasiewelten aus und schlüpften in beliebige Charaktere, wie Kinder das eben so machen. Alles Mögliche entsprang ihrer grenzenlosen Fantasie: ein traumhaftes Schloss, in dem Marisol mit Heidi und Mia als Prinzessin wohnte, die bezauberndsten Kleider trug und auf jedem Ball nach einem Prinzen Ausschau hielt. David gefielen diese Spiele nicht, denn er wurde jedes Mal dazu überredet, die Rolle des Dieners zu übernehmen, weil die Mädchen demokratisch beschlossen hatten, dass er keinen guten Prinzen abgeben würde. Aber leider musste der Diener immer reglos auf der Seite stehen und die Befehle der Prinzessinnen entgegennehmen, was dazu führte, dass David jedes Prinzessinnenspiel irgendwann wütend abbrach und schmollend abzog. Dafür nahm er das Spiel, bei welchem sich alle Kinder Superkräfte aussuchten, besonders ernst und wählte jedes Mal die Gabe des Gedankenlesens. Mia errang bei diesem Spiel immer Super-Stärke, während Heidi Blitze aus ihren Augen schießen und Marisol fliegen konnte.
Ebenfalls besuchten die Kinder die gleiche Volksschule und waren vier Jahre lang Klassenkameraden. Das Leben war schön. Marisol hatte in der Schule viele Freundinnen, verbrachte nach der Schule Zeit mit ihnen und war ein glückliches Kind. Sie hatte keine Sorgen, schrieb gute Noten und hatte keine Angst vor der Zukunft. Warum auch? Das Leben meinte es schließlich gut mit ihr.
Auf die Volksschule folgte das Gymnasium, das sie mit zwei Freundinnen, Fritzi und Alex, besuchen wollte. Am Schnuppertag waren sich die drei über ihre Wunschschule einig geworden, denn von allen beschnupperten Schulen musste es die eine werden. Die, die so alt war, dass es bereits von außen an der barocken Fassade zu erkennen war. Die, die so viele verwinkelte Gänge hatte und so viele großen Schülerinnen und Schüler, denen Marisol, Fritzi und Alex schüchtern auf den Gängen Platz gemacht hatten. Das erste Schuljahr im Gymnasium lief gut. Sehr gut. Alles passte und es fehlte Marisol an nichts. Sie hatte eine lustige, junge Klassenlehrerin, die immer einen guten Witz auf Lager hatte und kulant benotete. Weil sich aber ihre Kindheitsfreunde allesamt andere Schulen ausgesucht hatten, nahm der Kontakt zu Mia, Heidi und David nach und nach ab, bis er schließlich komplett ins Stocken geriet.
Im zweiten Semester geschah etwas Seltsames, es geschah ganz schleichend und keiner hatte damit gerechnet: Ein Virus brach aus, der hoch ansteckend und sehr gefährlich war.
Plötzlich mussten alle von zu Hause lernen und Schularbeiten gab es aufgrund der Ansteckungsgefahr im Klassenraum nicht mehr. Marisol war von Natur aus sehr ordentlich und gut organisiert, somit machte ihr das Eigenstudium von zu Hause nichts aus, im Gegenteil. Es war großartig, abseits des Tumults des Klassenzimmers den Schulstoff zu erarbeiten. Für sie stand fest, dass diese unvorhergesehene, neue Lebenssituation mehr Vorteile als Schattenseiten barg. Am meisten gefiel es ihr, den Schulalltag so zu gestalten, wie es für sie am passendsten war. Trotz zahlreicher Pausen und Handychecks, kam das Lernen nicht zu kurz und die Homeschooling Zeit brachte eine weitere schöne Veränderung in ihr Leben. Sie gewann nämlich eine neue Freundin namens Cassandra, welche im gleichen Ort nicht weit von ihrem Zuhause entfernt wohnte. Diese hatte Marisol nämlich eines Tages nach Rat bezüglich eines mathematischen Problems gefragt, woraufhin ein zuerst zaghafter und schließlich ausgelassener Austausch über Textnachrichten entstand. Es war super sich mit Cassandra auszutauschen, da sie mit Marisol einen ähnlichen Sinn für Humor teilte.
Die Zeit verflog und bald war Marisol in der 7. Klasse angekommen. Der Unterricht fand zum 1. Mal wieder regulär im Klassenzimmer statt, zusätzlich bahnten sich in dieser Zeit zahlreiche Veränderungen in ihr Leben: eine neue Klasse mit Schülern, denen sie zuvor noch nie begegnet war, neue Lehrer, neue Unterrichtsfächer.
Außerdem fand in ihrem Inneren ebenfalls etwas statt. Irgendwas war anders, aber sie hatte keine Ahnung, was es war. Denn am letzten Ferientag vor der 7. Klasse entdeckte die Jugendliche Lernbücher des vergangenen Schuljahres in ihrer Schultasche, welche am letzten Schultag der 6. Klasse ausgeteilt worden waren und als Lernunterlagen über die Sommerferien dienen sollten. Nur waren diese die gesamten Ferien über in der Schultasche verstaubt und als sie Marisol herauszog und peinlich berührt ihrer Mutter präsentierte, antwortete diese: „Na toll! Du hättest dich mit denen super aufs neue Schuljahr vorbereiten können, dafür ist es jetzt nun zu spät!“ Marisol verletzte diese Aussage zutiefst und brütete die gesamte Nacht über den Aussagen ihrer Mutter. Interessant, dass zwei schnell daher gesagte Ausrufe eine andere Person derart verunsichern können, nicht wahr?
Die schon immer strebsame Schülerin hatte auf einmal schreckliche Angst. Angst vorm schulischen Versagen, obwohl sie in Wahrheit weit entfernt davon war. In der allerersten Schulwoche der 7. Klasse weinte sie jeden Abend, aber sie wusste nicht warum. Weshalb plagten sie immerzu Gedanken an die Schule und an mögliche Szenarien, in denen sie nicht die gewünschte Leistung abliefern konnte? Marisol war vor, während und nach der Schule schrecklich traurig und am meisten haderte sie mit ihrem mangelnden Verständnis, warum
diese ganzen Ängste wie aus dem Nichts über sie hergefallen waren. Dass die plumpen Aussagen ihrer Mutter den Startschuss dafür gebildet hatten, war ihr nicht klar. Aus Angst, ihre Eltern würden ihre Gefühlswelt nicht verstehen, beschloss sie, ihre ganzen Sorgen in ihrem Herzen zu verwahren, bis sie schließlich von allein verschwanden.
In den ersten Monaten des neuen Schuljahrs kämpfte sie täglich mit dieser alles einnehmenden Traurigkeit, welche sich wie ein Gummisack über sie zu stülpen schien, den sie, egal wie sehr sie es versuchte, nicht abschütteln konnte. Cassandra war leider in eine andere Klasse eingeteilt worden und auch zwischen den beiden Jugendlichen hatte sich etwas verändert. Aus täglichen Spaziergängen wurde mit der Zeit ein emotionsloses Zunicken am Gang, bis man irgendwann nur noch mit gesenktem Blick aneinander vorüberging. Außerdem klickte sie mit Fritzi und Alex ebenfalls nicht mehr wie am Beginn des Gymnasiums und all diese unverständlichen Wendungen ihres Lebens saßen auf der Schulter der Dreizehnjährigen und drohten sie mit jedem Tag zu erdrücken.
Aber diese schwere Zeit verging und plötzlich tat sich ein Schalter um, denn die Traurigkeit verflog ganz von allein. Vielleicht hatte das eine Gespräch, das sie mit ihrem Vater geführt hatte, einen großen Einfluss darin gehabt. Während der Herbstferien war die Familie nämlich gemeinsam mit einer befreundeten Familie an den Salzburger Fuschlsee gefahren und wie der Zufall es wollte war Marisols Traurigkeit mitgefahren. Eines Abends hatte das Mädchen es nicht länger ausgehalten und hatte im Beisein ihres Papas aufgrund der zu schweren Last auf ihren Schultern zu weinen begonnen.
Deshalb unternahmen die beiden in der Dämmerung einen wunderschönen Spaziergang, bei dem sie Hand in Hand am Ufer des Fuschlsees entlangspazierten, Marisol über ihre Gefühle sprach, sie gemeinsam scherzten und auch schwiegen. In Marisols Innerem war es angenehm ruhig und das tat unglaublich gut. Lange Zeit saßen sie Seite an Seite am Ufer des Sees und betrachteten den Sonnenuntergang, der das Wasser in goldene Orangetöne tauchte. Schließlich sahen sie sich an und entschieden, dass es Zeit war, zu gehen und machten sich leichten Schrittes auf.
Jenen Abend bewahrte sich Marisol für immer in ihrem Herzen auf.
Insgesamt tat sich Marisol im Schuljahr der 7. Klasse schwer, neue Freunde zu finden, denn ihre Klassenkameraden waren nicht gerade das, wonach sie suchte. Die Burschen waren dämlich, die Mädels gemein und Fritzi und Alex nicht mehr dieselben wie früher. Sie setzte sich zunächst neben ein Mädchen aus ihrer alten Klasse. Das sollte ein folgenschwerer Fehler werden, denn das gesamte Schuljahr verbrachten die beiden damit, im verbitterten Wettstreit darüber zu konkurrieren, welche die besseren Noten schrieb und das machte Marisol auf Dauer verrückt. Aus diesem Grund pendelte sie in dem Schuljahr immer wieder zwischen verschiedenen Freundesgruppen der Klasse hin und her und kam so über die Runden.
Drei Jahre später, während der 10. Klasse, durchlebte sie ein dunkles Jahr voller Konflikte mit ihren Eltern und neuen Freunden. Das Leben war schrecklich. Auf Nichts freute Marisol sich nach dem Aufstehen und sie verstand nicht, warum alle in ihrer Klasse ein schillerndes Leben zu führen schienen, während sie weder in der Schule noch zu Hause einen sicheren Hafen ohne Probleme hatte. Doch Marisol traute sich. Sie ging zu ihrer Schulsozialarbeiterin und erlangte durch sie ein besseres Verständnis über sich selbst. Mit der Zeit verstand sie, warum ihre Eltern so reagierten wie sie reagierten und warum sie nicht allein mit ihrem Kopf voller Sorgen war. Sie war richtig. Mit ihrem sie oft an den Rand des Wahnsinns treibenden Leben voller Tränen, Lachen und Sorgen war sie richtig.
Annika Schafhauser (17), Schülerin im Piaristengymnasium Krems